Anruf aus Cumanà
Von Mark Riklin
Im Sommer 1996 wurde ein entscheidender Schritt Realität: Die SBW Primaria im Schloss Horn öffnete ihre Tore – früher als geplant und ausgelöst durch ein aussergewöhnliches Telefongespräch über Kontinente hinweg. An diesen Moment erinnert sich Peter Fratton bis heute lebhaft. Der Anruf aus Cumaná wurde zum Wendepunkt und prägte die Entstehung der Primaria entscheidend.
Es muss im Winter 1995/96 gewesen sein, als bei Peter Fratton das Natel klingelte, damals noch eine kleine Kiste mit einem Kabel zum Hörer. Auch dreissig Jahre später erinnert sich der Gründer des SBW Haus des Lernens erstaunlich genau an diesen Moment. Vielleicht gerade deshalb, weil er den Namen des Anrufers im Pausenlärm der Hafenstrasse 46 zunächst gar nicht verstand.
Am anderen Ende der Leitung war sein Freund Antonio Taravella. Seit bald drei Jahren segelte er mit seiner Frau Ursula und den beiden Kindern auf den Weltmeeren, auf einem selbstgebauten, hochseetauglichen Katamaran. Und hatte soeben Station gemacht in Tumbaco, einem östlichen Vorort der ecuadorianischen Hauptstadt Quito, bei der Pesta-Schule von Rebeca und Mauricio Wild. Ein reformpädagogisches Kindergarten- und Schulprojekt, seit einigen Jahren Partnerschule der SBW.
Zurück in Cumanà, wo sie ihr Schiff im Hafen hatten, stand die Familie Taravella vor einer Weggabelung. «Entweder bleiben wir in Ecuador», sagte er, «oder wir kommen zurück und bauen in der Schweiz eine eigene Nichtschule für unsere Kinder.» Dann die Frage, ohne Vorlauf und ohne Sicherheitsnetz: «Machst du mit?»
Peter Fratton schwieg einen Moment zu lange. So lange, dass Antonio ihn an die hohen Gesprächskosten erinnerte. «Gut, kommt zurück», sagte Fratton schliesslich. Und wusste, ohne es sehen zu müssen: Auf seinen Lippen lag dieses besondere Lächeln – sein Auf-zu-neuen-Ufern-Lächeln.
Entscheidungen aus dem Moment heraus
Typisch Peter Fratton. Immer wieder hatte er in seinem Leben Entscheidungen aus dem Augenblick heraus getroffen. Eine eigene Schule zu gründen etwa – beschlossen auf der Heimfahrt von Hasliberg nach einem Gespräch mit der TZI-Begründerin Ruth Cohn. Den Abschied von der SBW – gefasst in der Warteschlange vor der Passkontrolle am Flughafen. Oft war es eine eigentümliche Mischung aus Mut, Entschlossenheit und Neugier, die ihn leitete. Und, wie Peter Fratton rückblickend sagt, auch aus einer guten Portion Unwissenheit. «Zu viel Wissen macht vorsichtig. Unwissen macht frei.»
Kaum war die Entscheidung gefallen, machte sich Peter Fratton an die Umsetzung. Ihm war schnell klar, dass sich das Neue der Primaria gut mit etwas sehr Altem verbinden liesse – idealerweise mit einem Schloss als gestalteter Umgebung. Gemeinsam mit seiner Frau Doris zog er durch den Thurgau: Schloss Sonnenberg in Stettfurt, Schloss Klingenberg in Homburg, Schloss Blidegg in Zihlschlacht-Sitterdorf. Schliesslich fiel die Wahl auf das Schloss Horn: ein Märchenschloss mit grossem Umschwung, fast direkt am Ufer des Bodensees.
Der erste Schritt war getan. Der zweite erwies sich als nicht minder anspruchsvoll: die Geldsuche. Der Credit Suisse war das Risiko, in «so eine alte Hütte» zu investieren, zu hoch. Die Thurgauer Kantonalbank zeigte sich mutiger – und reichte die Hand. Nun konnte das neue Angebot ausgeschrieben, beworben und an Informationsabenden vorgestellt werden.
Bürokratische Hürden meistern
Bis sich eines Tages der zuständige Generalsekretär des Departements für Erziehung und Kultur des Kantons Thurgau meldete. Für das geplante Vorhaben brauche es eine Bewilligung. Der eingereichte Antrag wurde als lückenhaft und zu rudimentär beurteilt. Vieles sei unklar: Wie viel Mathematikunterricht die Kinder hätten, wo das Turnen stattfinde – all das müsse im Voraus geregelt werden. Peter Fratton versuchte zu erklären, dass der pädagogische Ansatz der Primaria auf individuellem, autonomem Lernen beruhe, weshalb sich die Bedürfnisse der Kinder nicht vollständig vorausplanen liessen. Unter diesen Umständen, sagte der damalige Departementssekretär Heier Lang am Telefon, könne man eine Bewilligung vergessen.
Peter Fratton reagierte aus der Not und teilte mit, die Primaria starte auch ohne Bewilligung, der Prozess sei zu weit fortgeschritten. Alles sei da: Eltern, Kinder, Lehrpersonen, das Haus. Konsequenterweise erschienen die Inserate fortan mit der Fussnote: staatlich nicht bewilligte freie Schule. Lang deutete dies als Provokation und drohte, die Schule am ersten Schultag polizeilich schliessen zu lassen.
Auch diese Aussicht vermochte Peter Fratton nicht abzuschrecken. Im Gegenteil: Er spielte mit dem Gedanken, die Polizei gleich in die gestaltete Umgebung des ersten Schultages einzubeziehen, sie von den Kindern zu ihrem Berufsalltag befragen zu lassen – die Situation umzudeuten und pädagogisch zu nutzen. Einmal mehr: typisch Peter Fratton. Klar Position beziehen, sich nicht einschüchtern lassen, den eigenen Weg gehen. Heute gibt er zu, innerlich Blut geschwitzt und einige schlaflose Nächte gehabt zu haben. Wie sollte er den Eltern und Antonio, dem designierten Leiter der Primaria, erklären, dass der Kanton Nein sagte? «Wir haben uns damals wahnsinnig aus dem Fenster gelehnt», sagt er rückblickend. In mehrfacher Hinsicht.
Das Hartnäckigbleiben zahlte sich aus. Schliesslich rang sich der Kanton zu einer provisorischen Bewilligung durch, die drei Jahre später unter Auflagen um weitere zwei Jahre verlängert wurde. Rasch sprach sich herum, dass es im Thurgau eine Schule gab, die neue Wege ging. Im Departement häuften sich Anfragen nach Schulbesuchen – was jeweils die Klarstellung erforderte, dass es sich nicht um ein staatliches Angebot handle.
Eines Tages ermutigte die wohlgesinnte Regierungsrätin Vreni Schawalder Peter Fratton, eine definitive Bewilligung zu beantragen. Dieser hatte sich inzwischen mit dem Provisorium angefreundet. Eigentlich passe eine provisorische Bewilligung doch hervorragend zu einer lernenden Organisation, die sich stetig weiterentwickle und selbst unter Beobachtung stehe. Dennoch: Fünf Jahre nach der Gründung, am 30. Oktober 2001, erteilte der Regierungsrat des Kantons Thurgau der Primaria eine unbefristete Bewilligung.
Ins Gelingen vertrauen
Fazit: Was braucht es, um eine neue, freie Schule zu gründen? Ein innovatives Angebot. Eigenwillige, charismatische Gründernaturen mit grosser Leidenschaft und dem Vertrauen ins Gelingen – trotz Widerständen. Mut, Entschlossenheit, Risikobereitschaft. Eine Portion Unwissenheit. Und vielleicht auch eine ungewöhnliche Reihenfolge, die den Erfolg fast erzwingt. Man stelle sich vor, alles hätte mit dem Bewilligungsantrag begonnen, der entstandene Papierkrieg wäre im Nirgendwo versandet und die Primaria nie entstanden…