30 Jahre Primaria - eine Spurensicherung
Von Mark Riklin
ST.GALLEN – Gasthaus des Lernens, Erzählstation unterm Holderbusch. Ein kleiner Tisch, eine lange Papierrolle und eine Menukarte voller Fragen: Was würde die Primaria über dich erzählen, wenn sie sprechen könnte? Welcher Satz begleitet dich bis heute? Welche Geschichte steckt hinter deinem Primaria-Lächeln? Eine Spurensicherung aus Erinnerungen, Schlüsselsätze und Geschichten aus drei Jahrzehnten. Schwarz auf weiss. Von ehemaligen Primaria-Kindern und ihren Eltern. Eine Mischung aus kollektivem Gedächtnis, Zeitreise und Stimmenarchiv. Ein Satz. Eine Geschichte. Eine Spur. Worte, die bleiben.
Ausgewählte Auszüge aus der Spurensicherung
«Wir sind derart Fan von der SBW, dass wir auch ohne unseren Sohn zum Jubiläum der Primaria kommen wollten», sagen Angelika und Christoph Mijnssen, als sie am Tisch Platz nehmen. «Unser Sohn ist an der SBW (Primaria, Herisau und Euregio Gymnasium) aufgegangen wie ein Ofächüechli. Es war Balsam für uns als Eltern, immer wieder zu hören, was für ein tolles Kind wir haben. Die SBW war ein Erfolgserlebnis pur.»
«Eigentlich waren wir den ganzen Tag im Park, ohne nur einmal ins Haus zu gehen», sagt Harry Leisi (38), der im Jahr 1996 zu den Pionier-Kindern gehörte, welche die Primaria miterfanden. Das maximale Gegenteil einer herkömmlichen Schule, wo Kinder frühmorgens im Schulgebäude verschwinden und erst vor dem Mittagessen wieder herauskommen. «Das Schlimmste an der Primaria sind die Ferien», habe sein drei Jahre jüngerer Bruder Willi immer gesagt, erzählt Harry Leisi.
«Das allererste Jahr der Primaria hat mir am besten gefallen», sagt Paul Kohlhaas (34), der als Vierjähriger ebenfalls zum ersten Jahrgang gehörte. Ich habe es genossen, dass es noch kaum Schranken und Regelwerke gab, alles noch chaotisch war. Als Kind gehst du im Chaos auf und erfindest deine eigene Ordnung.»
Donat Richiger, Vater von Lio (13) und Aris (9), erinnert sich an einen denkwürdigen Moment, der unterstreiche, was die Primaria so wertvoll mache. «Es war an einem Freitag Mitte März 2020, als Kinder jubelnd durch das Quartier liefen vor lauter Freude, dass die Schule aufgrund des Coronavirus bis auf weiteres geschlossen sei. Unsere beiden Kinder kamen weinend nach Hause, weil sie am Montag nicht an die Primaria durften. Was für ein Kontrast. Wo du gerne hingehst, lernst du auch etwas.»
«Dass ich mit 31 Jahren immer noch täglich eine riesige Freude am Lernen habe, verdanke ich der Primaria», sagt Simon-Dominique Wäckerlin (31), der im Alter von 4 Jahren aus dem Berner Oberland an die Primaria kam. Besonders geschätzt habe er, dass sie im Park mit einer Strickleiter auf 5 Meter hohe Spieltürme klettern und auf den Ästen der Kastanienbäume balancieren durften. Und dass er bei schlechtem Wetter den ganzen Tag in der Bibliothek lesen durfte, ohne gestört zu werden.
«Am liebsten würde ich nochmals an die Primaria gehen, mit dem Wissen von heute», habe ihr Sohn Lino (14) schon mehrmals gesagt. Während den vier Jahren Primaria hätten sie das Wort «Schule» nie gebraucht, strahlen Willi & Sarah Häne. «Zuerst war Lino im Wald, dann in einer alten Beiz und erst in der Oberstufe in einer richtigen Schule», fassen Lino’s Eltern die bisherige Schulzeit mit einem Schmunzeln zusammen. Ein bisschen habe er sich auf die richtige Schule mit Schulthek und Hausaufgaben gefreut, allerdings nicht allzu lange. «Lino ging morgens nicht an die Primaria, sondern zu seinen Kollegen. Hier hat er gelernt, was man alles wollen kann.»
Die eigentlichen Spuren von Bildung finden sich nicht in Zeugnissen, sondern in Lebensgeschichten.
«Zwischen den Zeilen dieser Geschichten wird spürbar, dass hier weit mehr entstanden ist als eine Schule», sagt Christoph Bornhauser, der die SBW Primaria in all diesen Jahren begleitet hat. «Die Erinnerungen erzählen von Kindern, die sich angenommen, gesehen und wirksam fühlten. Sie erzählen von Eltern, die Vertrauen fanden. Und sie erzählen von Menschen, die sich auch Jahrzehnte später noch mit Wärme, Dankbarkeit und einem Lächeln an ihre Zeit in der Primaria erinnern.»
«Besonders berührt hat mich, dass in vielen Geschichten nicht Leistungen, Prüfungen oder Abschlüsse im Zentrum stehen, sondern Beziehungen, Lernfreude, Neugier, Freiheit und das Gefühl, gerne an einen Ort zu gehen. Wenn ehemalige Kinder als Erwachsene sagen, dass sie bis heute gerne lernen, oder wenn Eltern berichten, ihre Kinder seien in der SBW «aufgegangen wie ein Ofächüechli», dann zeigt sich die nachhaltige Wirkung einer Bildung, die den Menschen ins Zentrum stellt.»