Die Geburt einer freien Schule
Von Mark Riklin
ROMANSHORN/CUMANÀ – Im Sommer 1996 öffnete die SBW Primaria im Schloss Horn ihre Tore. Drei Jahre früher als ursprünglich geplant. Auslöser war ein Telefonanruf aus Cumanà (Venezuela). Am einen Ende der Leitung war Antonio Taravella, am anderen Ende Peter Fratton, über 8000 Kilometer entfernt. 30 Jahre später erinnern sich Ursula Taravella und Peter Fratton an diesen denkwürdigen Moment. Zwei unterschiedliche Perspektiven mit kleinen Nuancen.
«Hätten wir gewusst, was alles auf uns zukommt, wir hätten vermutlich gar nie angefangen, weder den Bau unseres eigenen Segelschiffes noch die Gründung der Primaria», sagt Ursula Taravella, Mitbegründerin und bis 2018 Co-Leiterin der SBW Primaria. Erinnerungen an die Monate vor und nach der Gründung. Und das Glück, dass die Primaria entstanden ist.
Herbst 1995. Seit beinahe drei Jahren ist die Familie Taravella auf den Weltmeeren unterwegs – auf einem selbstgebauten, hochseetauglichen Katamaran. Zwölf Meter lang, sieben Meter breit. Mit an Bord: zwei kleine Jungen, vier und fünf Jahre alt. Die Deckkabine dient als Kinderzimmer. Hinter Luken geschützt, beobachten sie ihre Eltern beim Navigieren, Segelsetzen und bei den täglichen Matrosenarbeiten, wenn nicht gerade Sand und Meer der grosse Spielplatz sind. Ein langsames Leben, reduziert auf das Wesentliche. Ein Leben, das Geduld lehrt und im Umgang mit Wind und Wetter grundlegende Fähigkeiten schult.
Inspiration im Centro Experimental Pestalozzi
Nach der Fahrt den karibischen Inseln entlang, legt die LOS DOS für einen längeren Aufenthalt im Hafen von Cumaná (Venezuela) an. Von Caracas geht es per Flugzeug nach Quito, Ecuador, weiter nach Tumbaco, einem östlichen Vorort der Hauptstadt. Dort wollen sie ein pädagogisches Vorzeigeprojekt besuchen: das Centro Experimental Pestalozzi, kurz «Pesta» genannt.
Ursula Taravella ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Schon lange träumt die ausgebildete Kindergärtnerin sowie Dozentin für Methodik und Didaktik davon, diese Schule mit eigenen Augen zu sehen. Das «Pesta», 1977 von Mauricio und Rebeca Wild gegründet, gilt als radikal anderes Bildungsmodell – ein alternativer Kindergarten und eine Schule, die bis 2005 bestehen wird.
Im Dezember 1995 ist es so weit. Zwei Wochen lang erlebt Ursula Taravella als stille Beobachterin eine Schulform, die den Kindern die freie Wahl ihrer Lerninhalte überlässt. Eine sichere und reichhaltig gestaltete Lernumgebung ohne Noten, ohne starre Klassenstrukturen, getragen von Vertrauen in die intrinsische Motivation der Kinder.
Der Eindruck ist tiefgreifend. Bald stellt sich die naheliegende Frage: Sollen die eigenen Kinder hier eingeschult werden, statt in die Schweiz zurückzukehren? «Wir waren so beeindruckt, dass wir bleiben wollten», erinnert sich Ursula Taravella. «Aber die Wilds wollten uns nicht als Eltern an ihre Schule aufnehmen, sondern fanden, wir sollten selber etwas tun, die Schweiz sei ein reformpädagogisches Entwicklungsland.»
Handschlag per Telefon
Zurück in Cumanà wird hin und her überlegt, wie es weiter gehen soll. Warum nicht in der Schweiz selbst eine freie Schule nach dem Vorbild des «Pesta» gründen? Als Partner kommt Peter Fratton infrage, langjähriger Freund und Unterstützer von Rebeca und Mauricio Wild sowie Leiter des SBW Haus des Lernens, der in Herisau auf Initiative von Eltern gerade ein weiteres Lernhaus plant. Die Einigung erfolgt rasch. «Wenn ihr sofort zurückkommt, ein Konzept erarbeitet und die Leitung übernehmt, bin ich einverstanden», sagt Fratton. Ein Handschlag per Telefon, wie sich Ursula Taravella später erinnert.
Viel Zeit bleibt nicht, wenn die neue Schule bereits im August eröffnen soll. Das Schiff wird vorerst in einer Werft eingestellt, die wenigen Habseligkeiten gepackt, der nächste Flug gebucht. Ziel: das Wallis. Ursula kehrt in ihre Heimat zurück, wo sie als älteste von sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Im elterlichen Ferienhaus im Safrandorf Mund auf 1200 Metern über Meer findet die Familie Unterschlupf.
Gemeinsam mit Lucca und Mischa beginnt Ursula den Estrich zu räumen, während Antonio in Romanshorn erste Abklärungen trifft. Kindheitserinnerungen kommen ans Licht: Plüschbären, Kasperlifiguren, Babykleider, Bilderbücher, Spielzeugautos der Brüder. Sie werden geflickt, restauriert, instandgesetzt – und erhalten ein zweites Leben. An den Wochenenden brüten Ursula und Antonio über pädagogischen Konzepten, Organisation und Methoden der künftigen Schule, die keine «Schule», sondern ein Lebens- und Lernraum sein will.
Mit Haut und Haar
Ende Mai zieht die Familie ins Schloss Horn und bezieht dort den obersten Stock. Über den Sommer hinweg wird die Remise renoviert: Böden verlegen, Wände streichen, Fenster einsetzen, Regale bauen, Montessori-Material bestellen. Parallel dazu laufen Aufnahmegespräche, Verträge werden abgeschlossen. Mitte August 1996 öffnet die freie Schule SBW Primaria – mit einer Woche Verspätung – ihre Tore. Zwanzig Kinder und zwanzig Elternpaare sind dabei, eine stolze Zahl.
Was folgt, ist ein Alltag ohne Pause. Alles ist dringlich. Tag und Nacht, mit Haut und Haar. Learning by doing. Die Suche nach einem Minimum an Regeln und tragfähigen Strukturen. Erste Erfahrungen, erste Erkenntnisse. Kinder, die wieder gehen, andere, die neu dazukommen. Elternabende im Wohnzimmer. Eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gibt es nicht.
Gut, dass die Taravellas nach drei Jahren auf dem Meer ausgeruht sind – voller Energie und Bereitschaft, auch das Primaria-Schiff zum Segeln zu bringen. Und gut, dass da erste Team und die erste Elterngeneration mit so viel Mut und Engagement mitträgt und mitdenkt.